Reise zum Mittelpunkt des Steins

"Reise zum Mittelpunkt der Erde" hiess ein Roman von Jules Vernes aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, und nun haben wir die Reise als Bildhauerkunst anno 2003 mitten unter uns in Südbaden, wo sie sich täglich, wöchentlich ereignet im Atelier in Egringen, unweit der Grenze zu Basel, Bernd Goerings Geburtsstadt. Basel mit seinen tiefen Brunnen, in denen der wundersame Basilisk haust, der den, der ihn erblickt, zu Stein verwandelt, sollte das ein Zufall sein? Und was hat der realistisch-aufklärerische Vielschreiber und umständliche Romancier mit dem abstrakten Reduktionisten Bernd Goering zu tun?
Wir wollen nicht an Romane und Sagen stossen, sondern sie klar und ganz praktisch für uns künstlerisch verwenden. Der Basilisk wäre das Urtier um Wasser des Erdinnern, voller Geheimnis des Daseins und geheimnisbeladener Kraft bzw. Tätigkeit und Sinn. Der Wächter eines Schatzes, der Hüter der Quelle, der Verteidiger dessen, was sich im Erdinnern befindet. Nicht dem Basilisken, aber dem, was er hütet, ist der Künstler auf der handwerklichen Spur, respektvoll. Und was den Erfinder von Geschichten betrifft, werden wir sehen.
Die Rheinkieselsteine, die Bernd Goering so gerne verwendet, haben sehr lange gebraucht, um, sich selbst generierend, aus den Alpen herab, im Fluss sich rundend, zu uns herunterzurollen. Hier spricht uns physisch das Element Zeit an. Was ist ein – grosser oder kleiner – Rheinkiesel? Ein Abermillionenjahredokument. Wenn wir ihn aus dem Flussbett lösen und aufsammeln, hat er seine heutige Form. Wir können sie nur noch ändern, indem wir sie etwa mit dem Hammer zerstören. Die Form ist gegeben, sie 'stimmt' und bleibt in unserer Empfindung banal. Und das heisst auch: natürlich. Da setzt der Künstler ein, ruft ein energisches Was?! und beginnt seine unzähligen Erdmittelpunktreisen.
Er haut nicht mit dem Hammer auf den Stein und zerstört seine gegebene Form. Er fragt ihn voller Liebe (sogar ironischer): Stein, was hast du mir und uns zu sagen oder zeigen, was steckt in dir drin an Kraft, was verbirgst du uns allen, was ist dein überhaupt nicht gesehenes Geheimnis, warte nur, ich bin neugierig, ich krieg's schon raus.
Die Antwort ist genauso bildhauerisch gewaltsam, wie notwendigerweise zärtlich. Die Lösung des Geheimnisses ist jene des Künstlers, ist letztendlich jene des professionellen Geheimnisforschers, der sich auf sein Erfahrungswissen beruft und dieses in den Dienst einer Vision stellt – und nicht in den Dienst der Paläontologie, sie aber benützend, die Wissenschaft, ganz auf abstrakt erzählerische Weise, die jeden Romancier weit hinter sich lässt.
Was erzählt Bernd Goering? Schauen wir hin, dann erzählt er wenig, sondern legt die Erzählung nur glanzvoll frei. Wir können uns unsere eigene aus diesem Zeigen kreieren. Aus dem Innersten dringt, mit der Steinsäge vergewaltigt, dann geschliffen und poliert und mit der Flamme gebrandschatzt, die Schönheit der Natur und geistig ihre Überhöhung, und die simple Natur, die zeit- und individuallos diesen überdauert und niemals nach ihm fragt. Irgendwann im künstlerischen Prozess treffen sie sich.
Es gab – und gibt im Besitz des Künstlers – natürlich einen ersten Stein, den Bernd Goering aufgeschnitten hat, um nachzusehen, wie er von innen ausschaut: "Und jetzt weiss ich, was drin ist." Er wollte ihn dann wieder schliessen und kam auf die Idee, dies versetzt zu tun, um ein Teil des Inneren freizugeben. Das ursprüngliche Interesse war, ob sich in dem Stein eine Druse gebildet habe, also ein kristallisierter Hohlraum. Wie gesagt, Bernd Goering weiss es nun. Aber: "Ich bin der Einzige, der es weiss." Das Geheimnis gehört ihm; er leitet es nur als solches an den Betrachter weiter, und das macht schon einen guten Teil der untergründigen, allerdings sichtbaren, aber nicht fassbaren Spannung aus, die viele spätere Werke auszeichnen wird.
Naht- und Bearbeitungsspuren sind keine zu sehen. Sie verschwinden unter der Erhitzung mit dem Schweissbrenner, die die oberste Schicht wegplatzen lässt und dem ganzen Artefakt ein völlig natürliches Aussehen künstlich zurückgibt; Natur wird wieder hergestellt, ausser dem Resultat der Schönheitsoperation ist nichts mehr bemerkbar. Das grosse Anliegen bleibt die formale Einfachheit, und je länger sich der Künstler oder Betrachter mit ihr beschäftigt, desto komplizierter wird' s, weil Einfachheit und Auseinandersetzung mit ihr zum individuellen seelischen Prozess werden – anhand der Materie.
Die Stein-Erfahrung mittlerweile hat sich zu einem sicheren Erfahrungswissen so weit entwickelt, dass sich Bernd Goering völlig auf seine Intuition verlässt, die künstlerischen Entscheidungen bewegen sich ganz selbstverständlich den Grenzen des technisch Machbaren entlang. Die Qualität der fertigen Skulptur zeigt sich dann, wenn der künstlerische Eingriff wie eine Abmachung erscheint zwischen dem Bildhauer und seinem lebendigen, starren Arbeitsmaterial, die quasi beide gleichermassen zufrieden stellt. Sie treffen sich wohl in der Mitte, denn jede einzelne Arbeit weist, ob direkt oder indirekt, auf ihren steinernen Mittelpunkt hin.
Als Objektkünstler verwendet Bernd Goering mit gedruckten, gebundenen Büchern fast dasselbe Prinzip, dessen er sich als Steinbildhauer bedient: Er sägt sie auf, schaut mitten in sie hinein, rein optisch, ohne dass der Betrachter sie lesen könnte. Der Buchinhalt bleibt so verschlossen, wie er auf einer ungewohnten und irritierend neuen Ebene offengelegt wird. Auch hier erfolgt eine Reise zu einem Inneren, an das kaum jemand jemals denkt und namentlich niemand jemals sieht.
Ist es ein Frevel, Bücher kaputtzumachen? In der scheinbaren Zerstörung verwandeln sie sich zweckfrei zu einem völlig Neuen. Das einzige, was offenbar verlangt wird, ist ein gleichzeitiges Umdenken in eine neue Dimension hinein und Gefallen zu finden am Spiel mit den eigenen Widerständen. Immerhin, sagt Goering, werden siebentausend Tonnen Bücher allein in Deutschland jährlich vernichtet. Wenn er auf diese Weise ein paar wenige – neu geformt – rettet, erzählt er nichts weiter als ein modernes, kleines Märchen. Knüppelausdemsack? Dieses unvermutete – und auch primär ungewollte – Hinweisen auf Geschichten, die die Materie selbst im Hirn des Betrachter und Beschauers und Betasters zu erzählen bereit ist, ganz ohne dass sie eine figürliche Erscheinung annehmen, sondern nur ästhetischen und statischen Gesetzen folgen muss, behauptet stolz, nur in der Reduktion lägen Reichtum und Vielfalt, weil nur sie, die Reduktion, die eigene künstlerische Innenschau dessen freisetzte, der Kunst als eigene, persönliche Aktion geniessen will. Hier wird das Wenigste zum Meisten. Goerings Steine, seien sie nun zersägt und versetzt wieder zusammengesetzt oder quadratisch und rechteckig mit Durchblicken versehen, bespielen die Dialektik des Unmöglichen und seiner Anfassbarkeit.

Tadeus Pfeifer, Basel, April 2003