Rede zur Vernissage Bernd Goering - Konstantin Weber am 3. Oktober 2004 im Haus Salmegg Rheinfelden

von Tonio Paßlick, Leiter des Kulturamtes der Stadt Weil am Rhein

Lassen sie mich mit zwei Äußerungen beginnen, die noch nicht in der kristallinen Tiefe dieser Ausstellung schürfen:
Erstens sind Sie bei einer Vernissage wohl noch nie mit der Bitte empfangen worden, eine Kuh zwei mal zu betrachten, nämlich am Anfang des Rundgangs und dann noch etwas intensiver am Schluss ihres Besuchs.
Zweitens haben die Künstler und ich bei der Vorbesichtigung gescherzt, dass bei der Vernissage wieder eine neue Variation über das gleiche Thema zu hören sein wird: sozusagen unter der Überschrift "Wie ein Künstler die Seele der Steine sichtbar macht." Darauf wird vor allem Bernd Goering gespannt sein.
Erlauben Sie mir drittens meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Aus welchem Blickwinkel Sie Bilder und Artefakte auch immer betrachten mögen, immer wieder ergeben sich in diesem wunderbaren Haus am Fluss visuelle Beziehungen. Je nach Sonnenschein und Tageszeit schillert das Flussgrün des Rheins auf Konstantin Webers Bild in dem eher kleinen Raum neben der Diele in Übereinstimmung und in den gleichen Farbnuancen wie der veritable Fluss, den wir jenseits der Laube sehen und hören - immer präsent, wie ein fließender Rahmen, Ursprung und Abbild verfließen ineinander, poetischer könnte Kunst mit Wirklichkeit nicht verbunden werden. "Während des Malens", sagt der Künstler selber, "ist alles in Bewegung"
Die aufgeschnittenen Flusskiesel, die von Bernd Goering mit ästhetischem Gespür am Altrhein gefunden wurden, haben diesen Ort ebenfalls vor langen Zeiten passiert. Mit den leichten Versetzungen öffnen sie ihre Geheimnisse, geben Ahnungen ihrer Schönheit preis. Auch die verborgenen Drusen ihrer Erinnerungen?
Beziehungsreiche Anspielungen und überraschende Zusammenhänge, wo man hinschaut, auch wenn beide Künstler eine beabsichtigte Wirkung gar nicht ins Auge gefasst hatten. Denken Sie an die beiden Werke in der Diele: das "Baumbild blau", eine vertikale Variante des "Streifengemales" wie Konstantin Weber selbstironisch, aber ohne Sarkasmus einwirft und davor die Granit-Plastik von Bernd Goering , die wie alle anderen ohne Titel und mit in sich ruhender Selbstverständlichkeit einen Stein emporwachsen lässt - geometrisch verschlungen, aber mit einer Klarheit und Leichtigkeit, der man das Gewicht von rund 180 Kilogramm gar nicht anmerkt. Nicht der belassene und kunstvoll bearbeitete sichtbare Granit beschreibt dabei das vegetative Wesen eines Baums, sondern der umschlungene, physisch entfernte Raum: im Negativbild eine Umkehrung der Sehgewohnheit, die ein Vexierbild des Verborgenen, Verschlüsselten nicht nur zulässt, sondern sogar evoziert. Auch Farbe und Gestaltung des gemalten "Baumes" wollen nicht naturalistisch verstanden werden, sondern in ihrer Dynamik, ihrer energetischen Symbolik. Während der Maler seiner Idee einen Namen gibt, zieht sich der Bildhauer aus jeder Andeutung zurück und lässt jene Distanz zum Werk zu, die vom Betrachter mit eigener Fantasie überbrückt werden kann. Beziehungsreich, wie gesagt; "es kommt zusammen, was zusammen gehört" könnte man jedoch nur an einem historischen Datum wie dem heutigen 3. Oktober sagen.

Denn Bilder und Artefakte ergänzen sich lediglich, bespielen die Räume in einem wahrnehmbaren Spannungsverhältnis, das den Reiz der individuellen Betrachtung noch zu erhöhen vermag. Der gemeinsame Nenner liegt in der Annäherung an ein Phänomen der Natur und der menschlichen Psyche, das Goethe mit folgenden Worten umschrieb: " Die ganze Lebenstätigkeit verlangt eine Hülle, die gegen das äußere rohe Element, es sei Wasser oder Luft oder Licht, sie schütze, ihr zartes Wesen bewahre, damit sie das was ihrem Inneren spezifisch obliegt, vollbringe." Dieses Verhältnis von Hülle und Inhalt beschäftigte die Kunst bereits seit der Renaissance. Die Entdeckung der Schönheit ist Erkenntnis und gelingt erst über den Blick unter die Oberfläche. Ästhetik vermag sich jedoch genauso an der Oberfläche zu verstecken, wenn der Blick überreizt ist und die Wahrnehmung nicht sensibilisiert wird. Den "Durchblick" zu erhalten, "Einblick" in verborgene Schönheit wahrnehmen zu können - diese Augenblicke des Glücks lassen wir oft nur dann zu, wenn sich die Entdeckungen intellektuell durch Erklärungen und emotional durch besondere atmosphärische Rahmenbedingungen anbieten. Eine naturalistisch dargestellte Landschaft vermag im herkömmlichen Sinne "schön" zu sein, weil wir den visuellen Eindruck mit unseren Erfahrungen vergleichen. Eine verschleierte Landschaft muss jedoch entdeckt werden, der uns entzogene Blick sucht nach den Entwürfen in unserer eigenen Wahrnehmung und Emotionalität, er wird gestalterisch kreativ. Einen grauen Stein aufzuschneiden und von dem bekannten, aber immer wieder überraschenden Reichtum an Quarzen, Feldspaten und Glimmer fasziniert zu sein, ist ein Aspekt der Betrachtung. Eine anderer ist der nächste Schritt der Verhüllung, den Mittelpunkt zu verschieben, die Symmetrie, das Geheimnis eben nicht zu entschlüsseln.
Bleiben wir jedoch zunächst bei Konstantin Weber. Borstenpinsel, Styropor, Karton.
Mit diesen Utensilien lassen sich Verhüllungen inszenieren, die in ihrer Wirkung bestrickend enthüllend sind. Kneifen Sie einmal die Augen zu und versuchen Sie, ein reales Motiv vor sich mit verschliertem Blick wahrzunehmen. Sie sehen Konturen, Farben, Übergänge. Unwillkürlich versucht das innere Auge, Konturen zu definieren. Konstantin Weber kehrt diesen Weg um. Blaue und grüne Landschaften, Wiesen, Seen und der bekannte Fluss werden zunächst naturalistisch skizziert, zum Teil sogar detailgenau. Der Borstenpinsel nimmt dann Farbimpulse auf, preußischblau, chromoxidgrün und welche lautmalerischen Komponenten sich auch immer aufdrängen mögen und zieht den horizontalen Vorhang, Strich für Strich. Farben mischen sich, verlaufen aber nicht vertikal, sondern trocknen ein, bis sie wieder dem geometrischen Duktus folgen. Zuweilen wird auch nur ein Lamellenvorhang gezogen, die Entwürfe schimmern durch und lassen die Konturen erahnen. Ausblicke und Horizonte zeichnen sich in warmen Übergängen ab, Wiese, Fluß und Felder atmen Stimmungen, erstarren nicht in Momentaufnahmen, sondern lassen die Gewissheit aufkeimen, dass der Wandel das einzig beständige sei. Die malerischen Prozesse werden von einer gewissen Eigendynamik geprägt. Manchmal sei es gut, wenn er gezwungen ist, seine Arbeit zu unterbrechen, sagt Konstantin Weber selber. Weil die Macht des Veränderungswillens innehalten kann. Die Imagination der menschlichen Fantasie wird umgekehrt von malerischen Impulsen angestachelt. Wer sich das große Alpenbild mit einiger Distanz anschaut, vermutet viele Details, die sich bei näherer Betrachtung der unterstellten Definition entziehen. Die Berggrate und Kerbtäler des Wallis haben die strukturelle Neugier des Künstlers herausgefordert. Schatten werden weiß, Reliefs zu flächenhaften Strukturen und entlarven die Bergstürze als Rückgrat des Gebirges. Die vordergründige Schönheit eines Bergmotivs wird von einer Styroporplatte wie von einem Schleier verhüllt und zugleich mit neuer Magie erfüllt. Eine fotorealistische Alpenlandschaft wäre dagegen zu banal. Zuweilen ereilt den Künstler gleichwohl die "Sehnsucht nach Gegenständlichkeit." Er stellt sich der Lust, indem er sich von Edouard Manet inspirieren lässt.. Ohne jeden Eklektizismus stellt er das "Frühstück im Freien" auf, irritierend reduziert, wenn man von Webers satten deckenden Farben verwöhnt ist. Auch hier entlarven sich vermeintliche Konturen als Farbstrukturen, die dennoch sofort an das berühmte Gemälde im Muse d'Orsay denken lassen. Genauso wie Manet Raffaels Vorbild durch ungewöhnliche Maßnahmen verfremdet hatte, indem statt der drei Flussgötter drei Salonlöwen auf grünem Gras picknicken, genauso verfremdet Konstantin Weber, indem er die Hauptfigur auf einen abstrakten grünen Rasen setzt, sie herauslöst aus dem Kontext und hinter dem Vorhang der vertikalen Streifen in die Imagination taucht. Eine faszinierend einfache Transformation mit völlig eigenständiger Lösung.
Wie abstrakt ein konkretes Objekt durch Konzentration der Mittel wirken kann, verraten die beiden Bilder der "Nachtfahrt." Regen, Scheibenwischer schlagen, die beiden Scheinwerfer eines Autos nähern sich. Ein Gefühl der Bedrohlichkeit drängt sich auf, die Dunkelheit fokussiert das Licht, die Nacht suggeriert endlose Tiefe in abgestuften Tönen. Eine Straßenszene, wie unsere Vorfahren sie bei lichtlosen Walddurchquerungen erlebt haben müssen. Licht in seiner Ambivalenz von Sicherheit und Bedrohung. Letztlich sind wir allein mit unseren Ängsten. Das geht auch dem Wanderer so, dessen Weg nur durch den eigenen Schatten angedeutet ist. Scharf zeichnen sich seine Umrisse ab wie im Gegenlicht, aber sein Gesicht, seine Absichten, seine Zielen bleiben verborgen. Auch wenn wir noch so scharfe Konturen zu sehen vermögen, bleiben Ziele imaginär, unverbindlich, zufällig. Eine lyrische Metapher. Fast neidvoll sehen wir daneben die Kuh, aufgestellt in ihrer einfachen natürlichen Existenz, selbstvergessen kopflos auf satter grüner Wiese. Aber die Seherfahrungen täuschen uns. Die Streifen des Borstenpinsels verdecken nicht, sondern suggerieren die Wahrnehmung eines Körpers. Wirkliche Wahrnehmung oder "Trompe-l'oeil" in des Wortes ursprünglicher Bedeutung? Die Umkehrung der Vordergründigkeit ist gelungen. Fast meinen wir fragen zu müssen, was hinter der Kuh verborgen sei...
Suggestion ist auch ein handwerkliches Mittel mit künstlerischen Absichten bei Bernd Goering . Neben den Büchern und den aufgeschnittenen Steinen sind es überwiegend geometrisch geformte Granite, die längst nicht mehr in rechten Winkeln komplexe und zugleich eingängige Formen bilden. Man glaubt die Noppen der Bausteine ahnen zu können und wundert sich noch, wie die natürliche Oberflächengestaltung zu den künstlichen Formen passen könnte, bis der Künstler die Spekulationen bestätigt: nachdem er früher die spannenden Gestaltungen der Steine mit Holzmodellen erprobt hat, sind es heute Lego-Steine aus der eigenen Kindheit, mit denen Treppen, stabförmige Winkel, spielerische Formen aus quaderförmigen Grundelementen getestet werden. Sie scheinen zu schweben und erinnern doch an die natürliche Haut eines Steins. Dazu bedarf es handwerklich gesehen einer exzellenten Kenntnis und Erfahrung mit dem Material und künstlerisch gesehen einer bewundernswerten Intuition, um die Blöcke aus Indien, Brasilien oder aus dem Schwarzwald erst glatt auszuschneiden, so dass die beabsichtigten Winkel auch nach Herausbeiteln der Reststücke perfekt bleiben und dann mit dem Schweißbrenner solange die Oberfläche zu bearbeiten, dass nach dem hitzebedingten Abplatzen der obersten Schichten des Steines wieder die rauhe Haut zu spüren und zu sehen ist.
Die Illusion der naturgewollten Form ist künstlerisches Ziel - ähnlich fasziniert stehen wir vor den willkürlichen Gebilden der Natur, wenn Wollsackerosionen Bälle und Kugeln in unwirtliche Wüsten stellen.
Granit (von lat. granum - das Korn) sind massige, grobkristalline Tiefengesteine, die aus etwa gleichen Teilen Quarz, Alkalifeldspat und Plagioklas bestehen. Daneben enthalten sie etwa 20-40 % mafische Minerale wie Biotit, Muskovit, seltener Amphibole. Der Merksatz "Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess ich nimmer" gibt die Zusammensetzung von Granit etwas vereinfacht wieder. Man unterscheidet vier verschiedene Typen von Granit. Quarz sichert die Festigkeit, Feldspat bestimmt die Farbe, Biotit beeinflusst die Verwitterungsanfälligkeit.
Man muss die physischen Voraussetzungen eines Materials im Detail kennen, um mit so minimalistischen Eingriffen so faszinierende Artefakte erschaffen zu können. Inzwischen hat sich Bernd Goering seit dem Stipendium in Selk, also seit zehn Jahren auf die Bearbeitung von Steinen und Graniten konzentriert. Bei Ausflügen mit anderen Gestaltungsmitteln wie dem gigantischen Rahmen aus Beton, mit dem Bernd Goering im vergangenen Jahr im alten Dorfzentrum von Haltingen symbolische Bezüge zum ehemaligen Rathaus geschaffen hat, lassen sich doch immer wieder Bezüge zu seinen wesentlichen Gestaltungsthemen herstellen. Rahmen und ihre Inhalte sind Themen, für die Goering die erste Scheibe eines Granitblocks übernommen und unter Belassung der Spuren von Bohrstäben einen sauberen inneren Schnitt vorgenommen hat. Diese äußere reliefartige Haut des Granitblocks beschäftigt den Egringer Künstler intensiv. Er lässt sie in Rechtecke schneiden oder als Rahmen bestehen, schneidet Figurengruppen aus, die durch ihre aufeinander bezogene Verschiebungen erst die offensichtlichen Oberflächenstrukturen betonen. Er verschiebt die Höhen und erschafft damit Landschaften und Farbmuster, er findet und erfindet räumlich-installative Zeichen und Gesten. Die erhabene Fähigkeit, möglichst viel an Natur zu belassen und möglichst wenig einzugreifen und dabei nachhaltige schöpferische Impulse zu setzen, erinnert den Betrachter an wesentliche Leitplanken des eigenen Lebens. Schlicht sein, komplex denken, wahrnehmen und sensibel gestalten, wollten wir nicht alle die einfachen Weisheiten verinnerlichen? Selbst so eine harte Materie wie Stein lässt sich scheinbar spielerisch verändern, lässt die inneren Kerne durch Schnittverschiebungen ins Bewusstsein rücken. Sorgfältig und aufwändig ausgesuchte Steine aus dem Tessin, aus Flüssen wie dem Rhein und der Rhone und Kalksandsteine aus den Feldern um Egringen werden entdeckt, ästhetisch gewogen und ausgesucht, gedanklich und dann auch real geschnitten, versetzt, alles andere als beliebig, mit respektvollem Ernst und maßvoller Abwägung zwischen natürlicher Form und imaginärer Transformation. Dinge auf den Punkt zu bringen, ist einer der schwierigsten und zugleich höchsten Formen der Kunst. Die Balance zwischen Einblicken und geistigen Ausblicken, zwischen Öffnen und Verhüllen, zwischen rauer Naturform und makelloser polierter Schnittfläche ist Resultat eines künstlerischen Prozesses, der experimentell wie zielgerichtet sein darf. Seine Wirkungen entstehen in einer Aura der Stille, der Klarheit und wohltuenden Schlichtheit.
Dafür stillschweigend beredt. Fast wie seine Buchobjekte, deren natürlicher Ursprungscharakter es doch wäre, die Neugier für formulierte Inhalte zu entfachen. Auch Sprache ist Form und Ästhetik, auch die Hülle der rhetorischen Ästhetik ist bildhafte Botschaft. Dabei versucht Bernd Goering nicht einfach, Konventionen zu sprengen. Seine Eingriffe stellen die Gewohnheiten aufs Spiel, spielen mit Erwartungshaltungen, kombinieren Titel und Eye-Catcher mit symbolischen Formen wie Puzzlestücken oder das Konglomerat von Buchstaben, die in ihrer Ästhetik bewahrt, ihrer Funktion aber vordergründig beraubt zu sein scheinen. Steine, Bücher erzählen Geschichten, lassen sich lesen, deuten, erforschen. Alles fließt und die Zeit ohnehin. Die meiner Einführung ist inzwischen durch das Stundenglas geronnen. Vergessen Sie bitte die Kuh nicht.

Deshalb zum Abschluss noch die letzten Zeilen aus dem Lied "Chue am Waldrand" des Berner Troubadours Mani Matter

No lang a sälbem sunntig isch är gsässen a der stell Het gwartet vor syr staffelei, das da
es bruuchti nid di glychi z'sy - e chue derthäre well wo ihn no würd sys bild vollände la

doch d'wält isch so perfid, dass si sech sälten oder nie nach bilder, wo mir vo're gmacht hei,
richtet so hei uf dere matte die banausehafte chüe dä asatz zum'ne meischterwärk vernichtet

Tonio Paßlick 3.Oktober 2004