Der Bildhauer Bernd Goering

Die Arbeiten des Bildhauers Bernd Goering bestechen durch ihre Klarheit. Seine einfachen, oftmals geometrischen Formen, die zuerst aus dem Granit gesägt, dann geschliffen und anschließend mit dem Schweißbrenner geflammt werden, sind zunächst über ihre ungeglättete Außenhaut zugänglich. Der Verlauf der Brüche ist nur teilweise vorhersehbar und läßt dem harten Gestein einen Teil eigener Entscheidungskraft. So kommt der Auswahl des Materials eine besondere Bedeutung zu; der Stein braucht immer auch eine Veranlagung zu dem, was der Künstler aus ihm gestaltet.

Anfang der 90er Jahre hat Goering noch mit der Verbindung von Eisen und Stein gearbeitet. Das Metall bildete einen Außenbereich, in den der glatt polierte Stein segmentartig eingefügt wurde. Die Polarität von innen und außen, geschlossen und offen ist bereits in diesen Arbeiten ein wichtiges Thema der Gestaltung. Schon zu dieser Zeit arbeitete der Künstler bevorzugt mit geometrischen Formen, die zwar in ihrer Einfachheit zum abstrahierenden Zeichen werden, den menschlichen Intellekt und Erfindergeist aber nicht verleugnen können. Hierin sind sie Ausdruck einer interessanten Ambivalenz: Die nicht abbildende Gestaltung besitzt in ihrer konkreten Form Züge des Menschenwerkes und der Zivilisation.

Die Zusammenfügung unterschiedlicher Materialien findet sich in den neuen Arbeiten noch bei den Stelen, wo der lange und dünne Stab den skulptural gestalteten Kopf präsentiert. Die etwa drei Meter hohen Arbeiten besitzen nur relativ kleine Bekrönungen, die hier präsentierten Zeichen entziehen sich dem Betrachter und lassen sich daher nicht als »Signal« verstehen, sondern verlangen nach eingehender Beschäftigung und ruhiger Betrachtung.

Bei den Skulpturen hat die Wahl der Mittel inzwischen eine Reduktion auf ein Material erbracht. Statt den korrodierenden Stahl mit poliertem Marmor oder Sandstein zu verbinden, konzentriert sich Goering heute auf die Arbeit mit Granit. Nach wie vor stellt er aber nicht die Frage der klassischen Bildhauerei nach Volumen und Raum, sondern stellt zivilisatorische Vorgänge dar. Die Verwendung einfacher Grundformen wie Quader, Kugel, Ring oder Scheibe und die Arbeit mit einem einzigen Werkstoff resultierten aus dem Wunsch, aktuellen Gegebenheiten wie einer zunehmenden Reizüberflutung entgegenzuwirken.

Unzweifelhaft geht es Goering auch in diesen neuen Arbeiten darum, Kontraste bildhaft zu machen. Einige Werke bestehen aus zwei ineinandergeschobenen Formen, welche sich frei bewegen lassen. Die Außenhaut bleibt zumeist unbearbeitet, während die inneren Flächen leicht poliert und dadurch glatt sind. Statt zwei unterschiedliche Materialien zu verbinden, finden sich zwei Aggregatszustände des gleichen Steins, nämlich die gebrochene und die geglättete Form.

Der Wechsel von Innen und Außen spielte sich in den Werken der frühen 90er Jahre flächenbetonter ab, als dies heute der Fall ist. Zunächst bildeten die Stahlteile einen äußeren Rahmen für die innere Gestaltung aus Stein. Diese Polarität wird nun direkter auf einen nur noch teilweise zugänglichen Innenraum übertragen. Der Betrachter kann die Skulptur zwar auseinanderschieben, doch bleibt der überwiegende Teil des Granits seinen Augen verborgen. Bei einem Objekt, einem Fundstück, vermag nur der Künstler zu sagen, ob es sich um eine Druse oder um einen von ihm bearbeiteten Stein handelt. Auch hier wird wieder deutlich, daß der Zugang zu Goerings Arbeiten zunächst über das Äußere erfolgt und der hinzugetretene Betrachter - wenn überhaupt - erst in einem zweiten, stärker von der Vorstellung geprägten Schritt, gedanklich zu den weiteren Eigenschaften des Steines vordringen kann. Während er durch die Strenge der Arbeiten zunächst auf Distanz gehalten wird, erwecken die Verschiebungen und Öffnungen der Skulpturen das Verlangen im Beschauer, sich mit Blicken und Händen in das Innere vorzutasten. Hier finden sich unabhängig von der Außenhaut gestaltete Räume, die nicht den Außen- bzw. Umraum erobern wollen, sondern Einblicke in die Zurückgezogenheit des Kerns gewähren. Auf diese Weise regen sie den Betrachter zu einer Innenschau an und lassen eine Selbstbefragung über die eigenen Ambivalenzen zu.

Dr. Antje Lechleiter, 1997
Markgräfler Museum Müllheim