Bernd Goering untersucht
Steine nach ästhetischen Kriterien. Die Findlinge sammelt er in der Natur,
in Bächen und auf Feldern. "Nicht ich, der Stein ist entscheidend",
antwortet er auf die Frage nach der Motivation seiner Auswahl.
Steine haben die Phantasie der Menschen angeregt, seit es Zeugnisse ihres Tuns
gibt, ihres Eingreifens in ihre Umwelt. Form und Einbildungskraft bedingen sich,
im besten Fall kongenial. Der schöpferische Mensch - und ich beschränke
mich dabei nicht auf den Künstler, sondern beziehe mich auf den handelnden
Menschen - handelt aus zwei grundlegenden Beweggründen: er sucht nach der
Lösung eines Problems - und er spielt.
Problemlösung und Spiel sind nicht als gegensätzliche Antriebskräfte
zu verstehen, sie sind im Hand-lungsimpuls vernetzt. Wir kennen genügend
Beispiele, wie das nicht zweckgerichtete Handeln zu Problemlösungen führen
kann; oder anders gesagt, wie erst dann eine Lösung greifbar wird, wenn
die starre Fixierung auf eine zu eng definierte Zielvorgabe aufgegeben wird.
Dem Botaniker und Naturheilkundler Artur Kling wird der Satz zugeschrieben:
"Wer sucht, erfindet". Er beschreibt genau dieses leichte, frei flottierende
geistige Promenieren zwischen gedanklicher und materieller Welt; und darüber
hinaus die enge Beziehung, die zwischen beiden besteht, wenn es um die Frage
geht, wie Erkenntnis und Erfindung zu Stande kommen.
Unsere Aneignung der Welt ist ohne ihre Interpretation durch uns nicht denkbar,
unabhängig davon, wie bewusst wir uns der Beschränktheit unserer Vorstellungskraft
sein mögen. Die Welt kreist um uns. So sehr wir uns auch bemühen,
im Namen der Aufklärung dem menschenzentrierten Weltbild abzuschwören:
Wir stehen im Zentrum und wir haben keine Chance, uns diesem Standpunkt zu entziehen.
Ob es sich um scheinbar willkürliche Spielregeln oder vermeintlich rationale
Organisationsstrukturen handelt, beider Grundlagen sind unsere physiologischen
und psychologischen Rahmenbedingungen. Ob wir als Ethnologe eine Gesellschaftsform
erforschen, als Geologe eine Gebirgsformation oder als Künstler einen Stein:
In keinem Fall können wir uns ausserhalb unserer physischen und metaphysischen
Vorstellungswelt stellen, in jedem Fall sind unsere Erkenntnisse an sie gebunden.
Das ist die Grundlage unseres Spiels mit der Welt - und des Spiels der Welt
mit uns. Die spannende Frage lautet also: Wie kommunizieren wir unsere Erkenntnisse
- und vor allem die Spielregeln, auf deren Grundlage sie zu Stande kommen?
Bernd Goering gibt uns keine Hilfestellung zur Beantwortung dieser Frage. Er
benennt seine Arbeiten nicht, gibt ihnen keine Titel. Damit lässt er uns
die Freiheit der Interpretation, auch der Spekulation. Mit einer Einschränkung:
Seine Skulpturen sind Kunst. Aus dem Stein wird ein Objekt, das der Gattung
der rituellen Utensilien der Moderne angehört. Das Ritual, dem es verpflichtet
ist, heisst Kunst, ein auf sich selbst bezogenes System, das selbstbezogene
Werke hervorbringt.
Bernd Goering wählt Steine aus. Er erfasst ihre Form, folgt dem Volumen,
vermisst den Raum und ent-scheidet sich für präzise Eingriffe. Ein
kontemplativer und konzentrierter Prozess. Er sucht seinen Zugang zum Stein,
greift ein, formt und erfindet eine Skulptur, die nicht mehr und nicht weniger
kommuniziert als die Handlung, die zu ihrer Entstehung führt. In Abwandlung
eines Satzes von Gaston Bachelard könnte man in Bezug auf die Arbeit von
Bernd Goering sagen: Der Stein ruft die Aktion, und vor der Aktion arbeitet
die Einbildungskraft.
Klaus Heid, Karlsruhe im
Oktober 1999
Folder zur Ausstellung in der S-Galerie, Dezember 1999