Konzept zur Rede an der Vernissage der Ausstellung in der Galerie Fluchtstab in Staufen 2005
Im Werk von Bernd Goering haben wir eine interessante Begegnung und Vermischung von konkreter Kunst und Konzeptkunst vor uns.
Die Ausstellung gliedert sich in drei visuell stark differenzierende Teile. Wir wollen versuchen, eine logische Klammer zwischen ihnen zu entdecken.
I. Gruppe
Skulpturen
Der Stein enthält Eisen, seine Oberfläche kann sich im Freien verändern
Die Vorgaben für die einzelnen Skulpturen sind teilweise völlig konkret, mit Max Bill einem der Väter der konkreten Kunst zu sprechen, "vom menschlichen Geist für den menschlichen Geist geschaffen", unter weitgehendem Ausschluss des subjektiven Empfindens des Künstlers.
Betrachten wir als erstes das in die drei Raumachsen weisende, einem Dreibein ähnelnde Objekt, das wie die anderen Skulpturen aus brasilianischem Granit herausgearbeitet wurde. Seine Beine sind drei Stangen, die sich aus jeweils vier Kuben zusammensetzen. Der Entwurf des Künstlers ging von sich aus Kuben aufbauenden Stangen aus, doch erlaubte er sich im Unterschied zu den konkreten Künstlern der ersten Generation um Max Bill bei deren Realisierung künstlerische Freiheiten. Diese ergeben sich teilweise zwangsläufig aus der vom Künstler gewählten Technik:
Zunächst sägt er in geringem Abstand parallel zu einer späteren Randfläche der Skulptur einen nicht zu langen Schlitz. Mit dem Setzeisen schlägt er dann in traditioneller Weise eine Steinschicht so ab, dass der Stein die gewünschte Form annimmt. Doch diese Technik lässt sich nicht überall anwenden: In die entstehenden Innenecken gelangt man beispielsweise mit einer Trennscheibe nicht. Damit die Oberfläche des Steines an diesen Stellen nicht von der Struktur der übrigen Oberfläche abweicht, erhitzt er den Stein an den gewünschten Stellen, sodass dort Schichten in der gewünschten Weise abspringen. So haben wir endlich eine Skulptur, der ein streng logisches Konzept zugrunde liegt, deren Abmessungen aber Freiheiten enthält und eine natürlich, unbearbeitet Oberfläche besitzt. Die Beine setzen sich jeweils aus vier Kuben zusammen. Die Winkel zwischen den Beinen und der Bodenfläche sind gleich. Die Berührungsstellen zu den anderen Beinen sind analog zueinander. Die Skulptur ist drehsymmetrisch um 120 Grad. Der Künstler hat sich bemüht, möglichst objektive Ordnungskriterien in sein Werk einzubringen und nicht sein subjektives ästhetisches Empfinden.
Ähnlich verhält es sich mit der Mehrzahl der hier ausgestellten Skulpturen. Wir haben typische Merkmale einer Arbeitsweise, die nachdem die Randbedingungen durch den Künstler festgelegt sind, weitgehend von seinem subjektiven Empfinden befreiten sind: Goering setzt die Rechtwinkligkeit und Rotationssymmetrie ein sowie die Drehung und die Parallelverschiebung einer einzigen Form als objektivierende Elemente ein.
Aber und das unterscheidet viele Künstler aus Goerings Generation von denen der ersten Generation konkreter Künstler er gestattet sich "Ausreisser", z.B. dass aus einer Skulptur ein Stab unter einem völlig willkürlichen, nur dem ästhetischen Empfinden des Künstlers verpflichteten Winkel herausragt.
Faszinierend an den Skulpturen ist neben der ihnen zugrunde liegenden strengen Logik und der künstlerischen Gestaltung der Steinoberfläche, dass sie stets aus einem Stein gehauen sind, obwohl sie geradezu suggerieren, dass sie aus mehreren Teilen zusammengefügt wurden.
II. Gruppe
In einer zweiten Werkgruppe, die der Künstler hier zeigt, spielt gerade das Aufschneiden das in ersten Gruppe suggeriert aber nicht durchgeführt ist eine wichtige Rolle:
Er schneidet eine unregelmäßig geformte und teilweise auch farblich markant strukturierte Form betont regelmäßig und scharfkantig auf, verschiebt die erhaltenen Steinscheiben in der gleichen Richtung parallel nach vorn oder hinten, Klebt die Scheiben in der ursprünglichen Reihenfolge wieder aneinander, nivelliert die Rückseite, sodass das Relief von weitem fast wieder wie ein unversehrter Stein wirkt.
Besonders fällt auf: Die Schnittflächen hat der Künstler poliert, verwehrt uns damit teilweise den Einblick in den Stein, in dem wir z.B. eine Trombe hätten vermuten können
Anders als wir das hier in der Oberrheinebene gewohnt sind, wo die Erdgeschichte eine solche sogar viele hundert Meter tiefe Verwerfung entstehen ließ, deren Schnitt- oder hier Schubebene offen vor uns liegt, so dass Geologen an ihr wie in einem Studienobjekt den Aufbau der Erdschichten in unserer Region studieren können. Bei Bernd Goerings Skulpturen bleibt uns vor allem, die neue äussere Form zu bewundern.
Besonders auffällig wird das an der vor der Galerie liegenden Skulptur aus schwarzem Serpentin. Der Stein heißt Serpentin, weil ihn dünne schlangenartige weiße Linien durchziehen, die auch an seiner Oberfläche erkennbar sind. Den Künstler reizen diese Linien nicht. Er lässt zu, dass sie an der Oberfläche durch von Menschen unabsichtlich zugefügte Schleif- und Ritzspuren relativiert werden, bis sie gar nicht mehr ins Auge fallen. Zugleich färbt er die wiederum aufs sorgsamste dem Stein zugefügte Schnittfläche schwarz ein, sodass uns hier jeder Einblick in den monumentalen, fast schon geheimnisvoll etwas umfangenden Stein verwehrt bleibt. Das Geheimnisvolle an ihm steigert sich noch dadurch dass der Stein eisenartige Einschlüsse enthält, die dort, wo sie an die Oberfläche ragen, zu rosten beginnen, als sei ein Gerät, ein Gerüst oder irgendetwas anderes nicht klar Deutbares in diesen harten schwarzen Serpentin eingeschlossen. Bernd Goering zeigt zugleich und verhüllt. Bei aller Exaktheit und Geradlinigkeit der Schnitte wirkt der Stein dennoch naturbelassen. Der Künstler bewahrt den Charakter des Steins trotz der massiven Einschnitte
III. Zur Biographie
1962 in Basel geboren
1983 Studium der Mathematik und Kunstgeschichte in Freiburg
1985 88 Hochschule für Gestaltung Basel
1998 Markgräfler Kunstpreis
2000 1. Preis Jahrhundertplastik Lörrach
Viele realisierte "Kunst am Bau" Entwürfe
Beeindruckende, selbst hergestellte Homepage
IV. Gruppe
Bei der letzen der gezeigten Werkgruppen geht der Künstler scheinbar entgegengesetzt zu den anderen vor:
Entweder schneidet er Informationsträger derart auf, dass wie z.B. bei den ausgestellten Büchern keine Texte identifizierbar sind. Oder er sägt Übermittler von Informationen wie Telefon, Monitor, Recorder tatsächlich auf, sodass der Betrachter selbst erkennt, dass keine Informationen in ihnen gespeichert sind.
Für Goering sind diese Geräte keine objets trouvés im Sinne von Marcel Duchamps. Er stellt die in ihnen selbst enthaltene "Nicht-" Information bloß. Sein Umgang mit Informationsträgern und Umwandlern unterscheidet sich auch von dem in Technik und Forschung üblichen: Die "Blackbox" im Flugzeug bewahrt ihre Informationen auch über alle Katastrophen hinweg, gibt mit ihnen Aufschluss über deren mögliche Ursachen.
In der Mathematik existiert eine "Blackbox"artige virtuelle Maschine, die Turing-Maschine, die anders als jede reale Maschine mit beliebig hohen Zahlen arbeiten kann; sie kann zu jeder beliebigen Zahl 1 addieren bzw. den Nachfolger bestimmen.
Wir dürfen gespannt sein, wo und wie der Künstler als nächstes Informationen verhüllen oder uns anderswie bewusst vorenthalten wird oder uns umgekehrt Illusionen über scheinbar versteckte Informationen nehmen wird und dabei zugleich anspruchsvolle ästhetische Objekte schaffen.
Prof. Dietmar Guderian 2005, Ebringen (zur privaten Hompepage)