Bernd Goering ist Bildhauer, auch Zeichner. Letzteres ist vornehmlich im Zusammenhang mit seinem plastischen Schaffen zu sehen. Er lebt und arbeitet, im Südbadischen, in Egringen. Da hat er eine Scheune am Bach zur grossräumigen Werkstatt und zum lichten Atelier umgebaut. Die Ausbildung, wie so mancher am dreiländerigen Oberrhein, hat er an der Schule für Gestaltung in Basel absolviert, in der Fachklasse für Bildhauerei von Johannes Burla. Der war ein liberaler wie engagierter Lehrer, der sich besonders für Skulptur im öffentlichen Raum ins Zeug legte. Dazu muss man wissen, dass kein geringerer als Joseph Beuys nicht nur einmal gesagt hat, "geglückte Plastik im öffentlichen Raum, das ist das Schwierigste". Egal, ob Bernd Goering diesen Ausspruch von Beuys kennt, den Anspruch als Plastiker im öffentlichen Raum zu wirken, also von jedermann, ob kunstbeflissen, kunstsinnig oder nicht, wahrgenommen zu werden, das hat er intuitiv in seinem Tun. Die Stadt Lörrach hat sich unlängst von Bernd Goering einen Brunnen in den urbanen Kern setzen lassen. Weitere Arbeiten solcher Art in der Region werden sicherlich folgen.
Wie also arbeitet, und was macht dieser Schaffer und Schöpfer von räumlich - installativen Zeichen und Gesten. Die ersten Arbeiten, die ich vor Jahren von ihm gesehen habe, waren fragile, gleichwohl konzentriert dezidierte Skulpturen. Es waren metallene Stelen, die himmelwärts ragten und am oberen Ende im einfachsten Formvolumen zeichenhaft besetzt waren. Zumeist ein erdgebundenes Zeichen, ein Hinweis auf das Lebensmögliche und das Realwirkliche, All das rostig und Lebensspuren tragend, Witterung und Wandel zeigend, dennoch grazil durch den Metallstab der Stele. Zuoberst, auf der Ebene von Symbol und Metapher, eine an sich schlichte, sofort überzeugende, eine einfache wie naturhafte Form. Jedenfalls kein High-Tech, auch kein nobilierendes Schönen. Vielmehr ein schlichtes, ein direktes Zeichen über die aktuelle Bedeutung von Sinn als Lebensbalance und Sinn heute auch als Bescheidung auf das Massvolle, das irdisch Mögliche. Genau das ist der Punkt, der das Skulpturschaffen von Bernd Goering so relevant macht. Wie in einer negativen Dialektik, die das wirklich Potentielle sichtbar macht, kann man nach genauem Schauen und Fühlen und Denken sagen, was er tut, und was er will. Er will nicht spekulativ, verführerisch oder transzendental nebulös sein.
Er will im Gegenteil mit der Offenheit des Lauteren verbindliche und durch sich selbst bezeugte Zeichen setzen, ja im Grunde, handfeste Hinweise geben. Kunst ist immer, trotz und gerade wegen aller bildnerischen wie bildhauerischen Abstraktion, das Nach- und Auflebenlassen von Sinn und Sein. Sinn als das rational Vernünftige und Sein als das vital Lebensmögliche und Lebensnotwendige. Deshalb arbeitet Bernd Goering zäh und unwiderruflich an so etwas wie einem gehobenen Alphabet der zur Form gewordenen Semiotik. Dabei gibt es Grund- und Variationsformen. Beispielsweise der elliptisch vorgeführte Selbst- und Endlichkeitsbezug oder der mehrflächige Körper, der aus allen erdenklichen Blickwinkeln stets ein ausgewogenes Volumen und einen in sich ruhenden Selbstbezug als Beziehungsgefüge darstellt. Das macht gern die Denk- und Empfindungsarbeit vergessen, die dahinter steht, die zur Realisation nötig war.
Noch ein anderer Punkt ist von zentraler Bedeutung in den Skulpturen von Bernd Goering, der Naturzusammenhang. Alle seine Plastiken bewahren sich ungetrübt und souverän in der Natur - wie auch im Urbanen des Zivilisatorischen, und dies dank der eigenen Natürlichkeit. Sie sind nicht wie Design kalkulierter Machtanspruch oder verführerische Werbung, sondern die Skulpturen stehen einfach wie selbstverständlich da, wie wenn sie einen naturhaften Anspruch auf Realität hätten. Vielleicht haben sie den auch in der Tat. Sie drücken eben Lebensmöglichkeiten und Wirklichkeitsweisen aus. Sie sind Bündelungen von existentiellen Einsichten wie von naturhafter Hoffnung. Sie sind nichts mehr und nichts weniger denn plastische Formulierungen des Existentiellen, die selbstberedt von der Sache des Lebendigen zeugen. Picasso hat einmal beiläufig, aber relevant gesagt, "Skulptur sei Form gewordenes Lebenselixier". Das trifft bei Bernd Goering den Nagel auf den Kopf. Und noch eins. So wie Picasso, "unser Jahrhundertkünstler" (Jack Lang), zeitlebens einer aus Malaga blieb, so ist Bernd Goering einer vom Oberrhein. Es kommt eben darauf an, regionaler Internationaler und internationaler Regionaler zu werden und zu sein.
Siegmar Gassert,
Basel, Januar 1992