EGRINGEN. Der Eindruck täuscht nicht: Bernd Goering verweigert seinen Skulpturen
jeden über deren bloße Bezeichnung hinausgehenden Namen. Er vermeidet
auch jeden die Vorstellungskraft beflügelnden Titel, wohl befürchtend,
daß der die Blicke auf etwas ablenke, was deren und vor allem seine Sache
nicht ist. Schlägt man den Katalog "Skulpturen 1994 - 1997" auf,
liest man im Inhaltsverzeichnis 34mal "Granit", zweimal "Marmor"
und dreimal "Kalkstein" oder "Kalksandstein". Darunter sind
die Maße notiert und rechts das Entstehungsjahr. Lakonischer geht es nicht.
Doch was wie ein Vorwurf klingt, ist tatsächlich ein Kompliment. Endlich
einer, der nicht unentwegt sich selbst interpretiert und in vorsorglichen Beschreibungen
Deutungen suggeriert, die den Betrachter entmündigen. Bernd Goerings konsequente
Wortkargheit ist im doppelten Sinn sympathisch: Zum einen setzt sie den Betrachter
wieder in sein altes Recht ein, die Be-Deutung selbst zu leisten, zum anderen
weist sie auf die "Aufhebung" des Autors in seinem Werk. Einmal fertiggestellt,
existieren die Granite aus eigenem Lebensrecht und bewahren ihren Erzeuger "nur"
als Erinnerung. Die Steine treten neben die Person, ihr - nicht deren - Dasein
ist jetzt entscheidend. Altmodisch, mit Goethe formuliert, klingt das so: "Bilde
Künstler, rede nicht! "
In den späten 80er und frühen 90er Jahren hat Bernd Goering in seinen
Skulpturen Stein (Marmor, Sandstein) und Metall (Eisen) verarbeitet; und diese
Zusammen-fügung zwei so unterschiedlicher Materialien zu einem harmonischen
Beieinander ist ihm scheinbar mühelos geglückt denn nichts deutet
auf Gewalt, auf ein Zusammenzwingen (auf Biegen und Brechen") hin. Harmonie
ist stimmige Proportion, und für diese hat Bernd Goering einen untrüglichen
Blick. Sein Ausdrucksmittel ist die Sparsamkeit, die er nicht selten bis zu
einer asketischen Ästhetik steigert. Daher in jener Zeit seine Vorliebe
für geometrische Grundformen: Rechter Winkel, Kreis, Dreieck. In die erhabene
Strenge dieser reinen Formen setzt er den Stein, teils ebenso streng geschnitten,
teils als Fragment. Aus der Dissonanz des Fertigen, in sich Geschlossenen, mit
dem Unfertigen, ins Endlose Offenen, entsteht ein Miteinander von faszinierender,
manchmal herber Schönheit, deren Wesen als formale Reinheit erkennbar wird.
Aus dem Jahre 1989 ist eine Skulptur, "Marmor und Eisen" betitelt,
die Goerings Gespür für die ideale Proportion ausdrückt. Ein
halbkreisförmiges Vierkanteisen spaltet sich an seinem rechten Ende auf
und hält ein Marmorbruchstück. Das Gleichgewicht dieser Skulptur ist
derart raffiniert austariert, daß eine schwerelose Balance entsteht, als
berühre das Eisen den Boden nur flüchtig. "Flüchtig"
deutet auf die laufende Zeit, und diese Skulpturen sind erfaßte Momente,
Augen - Blicke, die immer neu entstehen.
Daß Bernd Goering in den letzten Jahren ausschließlich Steine, überwiegend
Granite, bearbeitet hat, hat anfänglich einen äußeren Grund.
Von Januar bis März 1994 arbeitete er als Stipendiat in einem Atelier des
Schleswig-Holsteinischen Künstlerhauses Selk. Da er keine Möglichkeit
hatte, Metall zu bearbeiten, konzentrierte er sich auf die Arbeit an/mit Steinen,
und fand, wie er sagt, zunehmend Gefallen daran. Zurückblickend erkennt
er in dieser Beschränkung einen Prozeß wachsender Konzentration.
Die Auseinandersetzung mit der "Grundfeste unserer Erde" und die "Würde
dieses Gesteins" erzwangen ein behutsames Herangehen als empfindsames Verändern.
Daher seine "minimalistischen" Zu- und Eingriffe (die gleichwohl eine
Unmenge an Arbeit erfordern), welche die Steine nicht beschädigen, sondern
neu entstehen lassen. Kleine Findlinge zum Beispiel aus den Feldern und Bächen
um Egringen (wo er sein Atelier hat) hebt er auf und verändert sie maschinell.
Manchmal flammt er zusätzlich die Oberfläche mit dem Schweißbrenner
ab, dann wird die "Steinhaut" brüchig, weil die Oberschicht abgesprungen
ist. Er liebt diese Rauheit, die noch die letzten Arbeitsspuren beseitigt, um
dem Stein scheinbar seine natürliche Daseinsform zurückgibt.
Ein wiederkehrendes Gestaltungsprinzip seiner Granite ist die ungleiche Zweiteilung.
Es wäre nicht allzu schwer und vielleicht auch nicht abwegig, dieses Prinzip
philosophisch und vor allem psychologisch zu deuten. Doch das führte in
eine Sackgasse, und zwar nicht nur, weil er sich dagegen verwahrt, daß
an/in ihm Motivforschung betrieben wird, sondern weil es die Blicke von den
Steinen ablenkt. "Nicht ich, die Steine sind entscheidend", sagt er,
und das ist keine kokettierende Bescheidenheit. Von Interesse sind in der Tat
allein die Steine, genau gesagt ihre Neugeburt aus dem Differenzen, die durch
seine Eingriffe entstehen. Konträr zur postmodernen ästhetischen Beliebigkeit
bekennen Goerings Granite die Einmaligkeit der Schönheit, die aus sich
selbst scheint. Darum erscheint das Zweigeteilte und Neuformierte nicht als
Trauer, die ein verlorenes Paradies beklagt, sondern als überraschende
Freude. Hier ist nicht, wie erste Blicke auf seine Arbeiten suggerieren, etwas
entzweigegangen, sondern etwas neu entstanden. Manche Veränderungen sind
derart minimal, daß sie kaum der Rede wert zu sein scheinen - wohl aber
der Blicke! Die aphoristische Zuspitzung erreicht in den besten Arbeiten einen
solchen Grad der Verdichtung, daß man lange staunt, ehe man anfängt
zu begreifen.
Bernd Goerings Steine sind unspektakulär, ihre "Rede" ist die
Stille. In dieser Sprache sind sie Tauf- oder Grabsteinen verwandt, nur daß
sie keinen Zweck haben, es sei denn den, dazusein. Ob wir ein derartiges Da-Sein
anerkennen oder nicht, das entscheidet unser Verhältnis zu ihnen. Dem Rosenstrauß,
der unser Zimmer verschönert, verweigern wir nicht seine Berechtigung.
Doch jenseits dieser ist etwas, das Angelus Silesius im 17. Jahrhundert in einem
Sinnspruch aufschrieb: "Die Ros' ist ohn warumb/ sie blühet weil sie
blühet/ Sie achtt nicht jhrer selbst/ fragt nicht ob man sie sihet. "
Das läßt sich von Goerings Graniten auch sagen.
Nikolaus Cybinski
Badische Zeitung, Freitag, 13. Februar 1998