Vor dem Landratsamt in Lörrach wird eine Skulptur Bernd Goerings aufgestellt
Von Nikolaus Cybinski

Einfaches und geistreiches Spiel mit der deutschen Geschichte: Der in Egringen
lebende Künstler Bernd Goering schafft eine Betonskulptur zum Datum des
9. November. FOTO:
BRACKEL
Übermorgen wird vor dem Landratsamt in Lörrach eine Betonskulptur aufgestellt, die mit Sicherheit Aufsehen erregen, vielleicht sogar kontroverse Diskussionen auslösen wird. Thema des Werkes von Bernd Goering - er gewann den vom Landrat ausgeschriebenen Wettbewerb - ist das Datum des 9. November in der deutschen Geschichte des vorigen Jahrhunderts.
Von diesem Datum geht eine merkwürdige Faszination aus, denn drei Mal ereigneten sich an ihm für unsere Geschichte fundamentale Ereignisse: 1918 Abdankung und Desertion des Kaisers nach dem verlorenen Krieg, 1938 Abdankung der Menschlichkeit in der Reichspogromnacht und 1989 Abdankung der SED nach dem Fall der Berliner Mauer. Zu ergänzen bleibt Hitlers Münchner Putschversuch im Jahre 1923; den Nazis galt der 9. November als Tag der Schmach und der Schande.
Wer ist dieser Bernd Goering, der Lörrachs innerstädtischen Skulpturenweg um ein markantes Werk ergänzen wird? Unbekannt ist er in der Region keineswegs, denn auf dem Salzert (Max-Metzger-Schule), in der Fußgängerzone (Brunnen), vor dem Gaswerk, im Obergeschoss des Burghofs, am Ortseingang von Schopfheim und in Weil vor dem Stapflehus liegen und stehen Steine und Stelen als Beweisstücke seines Arbeitens.
"Bildhauer" nennt er sich nicht, denn er haut keine Bilder aus dem Stein, und mit dem heutigen Allerweltsbegriff "Künstler" hat er auch Schwierigkeiten - zum einen, weil ihm alles verbale Getue zuwider ist, und zum anderen, weil sein Produzieren oft mit körperlich schwerer handwerklicher Arbeit zu tun hat. Vor der allerdings, und das ist das Entscheidende, kommen die Blicke auf seine Objekte als geistige Erfindungen der Findlinge und Steine zu ihrer neuen Existenz. Es sind diese zielgerichteten, stilistisch sicheren und dem Material angemessenen Blicke, die Goerings Steine zu dem machen, was sie in der Bearbeitung werden: Kunstwerke von hohem Rang.
Goerings Eingriffe ins Material scheinen ganz einfach zu sein, fast könnte man sagen aphoristisch, aber gerade darin liegt ihr überzeugender Reiz. Wir kennen das Umschlagen der realen Eindeutigkeit in plötzliche Mehrdeutigkeiten aus den Vexierbildern. Indem Goering zum Beispiel einen Findling an- oder zerschneidet und die Schnittflächen poliert, machte er mittels dieses scheinbar simplen Eingriffs aus dem Naturding ein Artefakt eigener Existenz.
Keine Effekthascherei
Was an dieser Verwandlung fasziniert, ist zum einen der Erfindungsreichtum seiner Eingriffe, besser eigentlich: Einschnitte, die ohne Effekthascherei auskommen und frei sind von sich wiederholender Routine, und zum andern die makellos saubere Arbeit, die seine Steine nicht verletzt und sich selbst entfremdet, sondern sie ihr Wesen zeigen lässt, indem unsere Blicke ihr Inneres berühren, das seit Urzeiten eingeschlossen war und nun zum Vorschein kommt. Die geöffneten Steine heben ihr Geheimnis preis und verwandeln sich unter unseren Blicken zugleich in ein neues.
Mit der Betonskulptur vor dem Landratsamt betritt Goering Neuland. Jetzt wird nicht ein Vorgegebenes verwandelt, sondern etwas gänzlich neu geschaffen. Der Betrachter wird jedoch erkennen, wie verblüffend einfach und doch geistreich Goering mit dem Datum des 9. November spielt. Was als aufgeschriebene Geschichte Bände füllt, wird hier zum Spiel mit der Essenz des Geschehens, denn indem er die Zahl als römische Ziffern aufbricht, fügt er sie zugleich gedanklich neu zusammen, weil die deckungsgleichen Bruchinnenflächen darauf hinweisen, dass an diesen 9. Novembern etwas endgültig auseinander gebrochen ist, was einmal als Einheit zusammen gehörte.
Der 1962 in Basel geborene Goering studierte nach seiner Schulzeit am Lörracher Hans-Thoma-Gymnasium von 1983 bis 1988 in Freiburg und Basel (Schule für Gestaltung) und lebt seit 13 Jahren als freischaffender "Steine-Finder" (zum Beispiel am Rhein) und "Steine-Erfinder" (im Atelier) in Egringen.
Der Sonntag, 25. März 2001