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Über
Steine und Bücher
Zu Bernd Goerings Schnittstellen
von Helmut Bürgel, Kulturreferent der Stadt Lörrach
Es gibt eine kleine Geschichte, die mir Bernd Goering erzählte und die ganz an den Anfang meiner Betrachtungen gehört. Von Januar bis März 1994 arbeitete Bernd Goering mithilfe eines Stipendiums im Schleswig - Holsteinischen Künstlerhaus Selk, nahe der dänischen Grenze. In diese Zeit fällt ein Schlüsselerlebnis, das seine Kenntnis und seinen Umgang mit dem Material entscheidend prägte. Auch Künstlern gehen die meisten Lichter plötzlich und unerwartet auf. Er hatte einen runden, eiförmigen Stein gefunden, der seine Gestaltungskraft herausforderte. Wie immer prüfte er verschiedene Möglichkeiten transformierender Eingriffe und Schnitte, nicht wissend, ob sich im Innern dieses Steins eine Druse, ein kristallisierter Hohlraum, befände. Wie immer waren Art, Tiefe und Form des Eingriffes von einem abwägenden Untersuchen, Wiegen und Kennen lernen des Steins bestimmt. Schließlich öffnete er ihn an einer genau erspürten Stelle, sägte ihn in zwei Hälften, wie die zwei Hälften eines Eis, und setzte diese Hälften leichte verschoben wieder zusammen. So, vom Urzustand nur durch eine winzige Drehung verschieden, verklebte er sie. Keine Frage, dass jeder Betrachter gerne den Kern entdecken und das Geheimnis lüften möchte, das er doch unabänderlich bewahrt.
Ob aus Stein oder Papier
- viele Objekte auch dieser Ausstellung Bernd Goerings scheinen etwas zu verbergen;
sie öffnen und verschließen sich zugleich - und sie verwirren. In
dieser Verwirrung besteht ihr künstlerischer Reiz. Was wir sehen, ist immer
nur ein Teil, der andere bleibt uns verborgen.
Nur der Künstler weiss, was sich im Innern des steinernen Eis verbirgt.
Nur er hat es gesehen, doch er hält sein Wissen zurück.
Nun könnte man dies als Blinde - Kuh - Spiel mit dem Betrachter abtun, als eitle Geheimniskrämerei; man könnte diese Strategie als Ausdruck künstlerischer Allmachtsphantasien betrachten, und sie in eine Reihe stellen mit jener elitären Egomanie, die den aktuellen Kunstbetrieb teilweise so marktschreierisch spekulationskompatibel macht und prägt.
An dieser Stelle ist Vorsicht ist angebracht. Denn die Verwirrung, die Bernd Goerings Objekte auslösen, entspringt dem Reich der leisen Töne. Was ist es, das uns, sie betrachtend, staunen lässt? Worin besteht ihr künstlerischer Reiz? Was ist die Kunst dieses bedachten Öffnens, Eindringens, Verschiebens und Verschließens von Steinen und Büchern? Was erschließt uns dieses Spiel mit dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren? Lassen Sie mich versuchen, diesem Geheimnis wenn schon nicht auf die Spur zu kommen, so doch es zu beschreiben.
Das Sichtbare und das Verborgene
"Das Problem ist, dass man nicht über Ästhetik sprechen kann, ohne über das Prinzip Hoffnung und die Existenz des Bösen zu reden...Wo und wie immer Schönheit anzutreffen ist - sie ist die Ausnahme, ein trotzdem. Darum rührt sie uns."
Es ist unüblich geworden, im Zusammenhang mit der Kunst über Schönheit zu sprechen. Nur wenige, wie der englische Schriftsteller, Kunstkenner und Essayist John Berger weigern sich, der leer gewordenen Immanenz der kunsthistorischen Betrachtung zu folgen, die längst zum Teil des Spektakels geworden ist.
Da ist zunächst einmal die Grundillusion: "Das ist das!" - die begrifflichen Schubladen: Ausgangspunkt aller alltäglichen und sprachlichen Verwirrungen; Kern des Missverständnisses, dass jeder über alles reden könne, dass Sprache Allmacht suggeriert: "Das ist ein Buch, das ist ein Stein!" So wie man sagt: "Das ist ein Bett. Das ist ein Tisch."
Der Referenzcharakter von Sprache, ihr Informationsgehalt ist auch der Ausgangspunkt aller Missverständnisse: die Annahme, es gebe eine direkte und notwendige Beziehung zwischen dem Wort und dem Ding, zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden; als sei die Sprache kein Wirklichkeit formendes, bildendes, strukturierendes und erschaffendes System; als sei sie Abbildung einer objektivierbaren, eindeutigen, äußeren Welt. So täuschen wir uns und lassen uns täuschen. Und nun kommt da einer und sägt mit den Steinen und Büchern die Illusionen auf.
Bei den Eskimos gibt es mehrere hundert verschiedene Worte für Schnee. Worte, die verschiedenste Aggregatzustände, Beschaffenheiten und mit diesen verbundene Lebenserfahrungen beschreiben. Verlässlichkeit und Präzision der Sprache sind den Lebensumständen angepasst. Bei den Tuaregs und den Peul der westlichen Sahara gibt es hunderte unterschiedliche Worte für Sand. Sand ist nicht Sand; den Sand als solchen gibt es gar nicht, es gibt nur hunderte verschiedene Aggregatzustände, die je nach Wetter, Topografie, Tages- und Jahreszeit, geografischer Lage erkannt und beschrieben werden können. Das bezeichnende Wort ist kein Klischee, keine Schablone, keine eindeutige Zuordnung; und die Beziehung zwischen dem Wort und dem Ding ist das Ergebnis eines menschlichen, mehr oder weniger komplizierten Erkenntnisvorgangs. Die Wirklichkeit (des Schnees oder des Sandes) ist nicht ein für allemal vorgegeben, sie muss unablässig ausfindig gemacht, aufrechterhalten, gerettet, erkannt und konstruiert werden. Was für den Sand gilt, gilt wie für alles andere, so auch für Steine.
Bernd Goering kennt hunderte
verschiedener Aggregatzustände von Steinen. Er sammelt sie, erspürt
sie, wiegt sie, bearbeitet sie und ist immer unterwegs auf der Suche: in Steinbrüchen,
Flussbetten, am Rheinufer, bei Steinhändlern, wo auch immer.
Der Stein ist nicht mehr nur Stein, das Buch nicht mehr nur Buch. Plötzlich
spricht da noch etwas anderes; was eindeutig war, öffnet plötzlich
Facetten, wird Denkstoff und plötzlich reicht ein Wort nicht mehr, das
Ding zu bezeichnen.
Plötzlich wenden sich Innenseiten nach außen, aus dem Kern wird eine geschliffene Fläche, und plötzlich fängt alles an zu schillern. Vorbei die Zeit der einfachen Zuordnung: "Das ist ein Stein!" Das Ding braucht mehr als ein Wort, wird zum Gegenstand des Denkens und wird doch immer ein Rätsel bewahren.
Polaritäten prägen schon immer Bernd Goerings Arbeiten; wenn Sie sich umsehen - überall sind sie spür- und erkennbar: Innen - Außen, gerade - gebogen, geschlossen - offen, glatt - rau, Oberfläche - Kern, rund - gerade, gebrochen und geschliffen, Leichtigkeit der Form - Schwere des Materials und vielleicht am wichtigsten: das Sichtbare und das Verborgene.
Eingriff und Veränderung
Alle Arbeiten charakterisiert eine Spannung, die einer oder der Kombination mehrerer dieser Polaritäten entspringt. Wie beim eingangs erwähnten Ei sind es minimale Veränderungen und Eingriffe, die Spannung erzeugen. In der Regel lassen sie die Form des Objekts weitgehend unangetastet, bleiben - wie die Objekte - singulär. Es ist keine Masche, kein Schema, das die Schnitte und Eingriffe prägt. Jeder einzelne ist mit großer Präzision gewählt und ausgeführt. Keine Ordnung wird dem Ausgangsmaterial von außen aufgezwungen, keine modische Inszenierung oder Installation raubt ihnen die Kraft. In ihrer Einzigartigkeit werden sie transformiert und verwandelt. Das Biegen, Aufschneiden, Verschieben bewahrt in vielen Fällen die natürliche Form; doch gibt es vereinzelt auch die Entwicklung vollständig neuer Formen, die aus Blöcken herausgearbeitet, herausgeschält werden. Nie haben diese eingreifenden Gestaltungen etwas Gewaltsames oder Verkopftes. Jeder einzelne Schnitt, jede Oberfläche ist wohlbedacht und zielsicher ausgeführt. Und am Ende steht die Leichtigkeit einer nie belanglosen Form, steht ein Denkobjekt voller Einfachheit und Schönheit.
Es gibt auch - ob Buch oder Stein - Eingriffe, die tiefer gehen, Umformungen, die mehr als bloße Schnitte sind. Betrachten Sie die farbige, wie ein Schmetterling aufgespannte Bibel über der Tür im dritten Raum dieser Ausstellung, oder ein Buchobjekte wie Joachim Nettelbecks "Lebensbeschreibung" im 1. Raum. Beide stecken voller kulturgeschichtlicher Bezüge, Anspielungen, Assoziationen, und doch sind sie auch ganz einfach lesbar. Leichte, verspielte Denkobjekte.
Im Fall der Lebensbeschreibung genügte ein vertikaler Schnitt samt Verschiebung, um eine ganze Kette von Assoziationen auszulösen: kleine Schlieren auf den halbwegs geschützten, doch geschliffenen Innenkanten, Spuren einer Lebensbeschreibung, Miniaturen, die sehen lassen, was vor einem längeren Zeithorizont von einer Lebensbeschreibung bleibt: Fast ironisch schaut dagegen der rote Faden des nicht abgeschnittenen Lesezeichens aus dem Objekt heraus. Er erinnert an eine andere Illusion, mir der wir Zeit unseres Lebens zu tun haben. Robert Musils hat sie in seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" auf unübertreffliche Weise beschrieben:
"Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler. Sie lieben das ordentliche Nebeneinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit gleichsieht, und fühlen sich durch den Eindruck, dass ihr Leben einen ´Lauf´ habe, irgendwie im Chaos geborgen. Und Ullrich bemerkte nun, dass ihm dieses primitiv Epische abhanden gekommen sei, woran das private Leben noch festhält, obgleich es öffentlich schon alles unerzählerisch geworden ist und nicht einem Faden mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet."
In den Steinbrüchen der Natur- und Kulturgeschichte
Wie funktioniert nun diese Umformung des Materials vom Naturprodukt Stein - oder vom Industrieprodukt Buch zum Kunstobjekt, zur Denkfigur?
Es fängt schon bei der Auswahl an. Schon manchen Stein hat Bernd Goering bei einem Suchgang in felsigem Gelände oder in einer Flussaue entdeckt, die meisten Bücher bei Suchaktionen in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Die Materialien sind verschieden, - Naturprodukt das eine, Kulturprodukt das andere - und doch bleiben sich Methode und Arbeitsweise gleich. Nur die Art der Eingriffe und die Werkzeuge werden dem Material angepasst. Der Eingriff, der Schnitt, die eigentliche Arbeit am Material erfordert beim Stein wie beim Buch eine präzise Idee der Umformung. Am Anfang steht die genaue Erfassung der Lage, die Analyse des Materials: seiner Beschaffenheit und Härte, der Struktur und Farbschattierung der Oberfläche. Titel, Umschlag und Einband des Buches haben den gleichen Einfluss auf Art, Umfang und Tiefe des künstlerischen Eingriffs wie Form, Farbigkeit und Struktur des Steins. Die Oberfläche inspiriert, lässt Rückschlüsse zu auf das dahinter Verborgene, auf den unsichtbaren Kern, auf natur- oder kulturgeschichtliche Bezüge. Oberfläche in diesem Sinne ist nie nur Oberfläche.
Manche Steinobjekte bilden, wie etliche Bücher, halb verborgene Innenräume aus. Wie Rachel Whitereads negative Wachsabgüsse von Möbeln kreieren sie Räume aus der Verdrehung oder Verschiebung von Innen und Außen. Manche erinnern an Bögen aus Stein, so die erstaunliche, große Arbeit im ersten Raum der Ausstellung. Aus einem Block herausgesägt, geflext, gebohrt, geschlagen, geschliffen. Am Ende wurde sie, wie alle Steinobjekte mit der Flamme eines Schweißbrenners bearbeitet, so lange , bis die Oberfläche aufbrach, abplatzte, und alle Spuren der Bearbeitung verschwanden. So entsteht der Endzustand einer scheinbar natürlichen Oberfläche, der uns so sehr verblüfft. Er bezieht seine Faszination aus der Spannung, die doch keine ist. Der vermeintlich gebogene Stein befindet sich in einem völligen spannungslosen, scheinbar natürlichen Ruhezustand; ganz selbstverständlich steht er da, abstrakt, und schlägt doch Brücken in alle Richtungen, zur klassischen Bildhauerkunst ebenso wie zu den industriellen Verfahren des Biegens von Eisen und Stahl.
Auch durch die erstmals
gezeigten Buchobjekte unterstreicht diese Ausstellung mehr als voran gegangene,
mit welcher Souveränität und Erfahrung Bernd Goering die unterschiedlichen
Materialien, Formen und Gestaltungen beherrscht; wie er es versteht, Denkfiguren
stimmig darzustellen, den erstrebten Zustand künstlicher Natürlichkeit
und spannungsvoller Leichtigkeit zu erreichen.
Ganz einfach scheinen die meisten Werke zu einer stimmigen Gestaltung gefunden
zu haben, so einfach, dass man ihnen das Gemachte nicht mehr ansieht, nicht
mehr abgelenkt wird von der reinen Form. Wen interessierte auch beim Anblick
des Werkes die Anstrengung und Konzentration, die für diese Transformation
erforderlich war, ganz zu schweigen von den Risiken und Zufällen, die einen
derartigen Arbeitsprozess begleiten. Die Werke stehen für sich - klar,
leicht und ohne Namen.
Bernd Goering hat im Lauf
der Jahre all das mit großer Kenntnis und Genauigkeit in sein Werk integriert;
er schafft es immer wieder, die Anstrengung des Weges in der beeindruckenden
Leichtigkeit seiner Denk- und Kunstobjekte zum Verschwinden zu bringen. Ich
meine, er hat in der Kenntnis des Materials und in der Wahl und Beherrschung
seiner Arbeitsmethoden eine große Meisterschaft erreicht. Im Kern besteht
sie in der Fähigkeit zur Reduktion und Beschränkung, in der Gabe,
einfache Denkbilder zu schaffen.
Es scheint, als bedeutete die Minimierung des Materiellen auch in seinem Werk
einen Zugewinn an Freiheit; sie stimuliert das Denkvermögen, ermöglicht
spannende Klarheit, hellstes Licht und reinste Schönheit.
Da hängen und liegen sie nun, wie einfache Zeichen und sagen uns doch so viel.
3. Mai 2002