Selk?
Ein Ort, irgendwo im nördlichen Schleswig-Holstein, abseits der Autobahn
nach Dänemark. Gerade deshalb wohl ein Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit,
wie geschaffen für intensive künstlerische Arbeit. Auch Bernd Goering
wird in seiner südbadischen Heimat diesen Namen zum ersten Mal gelesen
haben, als er die Ausschreibung für ein Stipendium im Schleswig-Holsteinischen
Künstlerhaus Selk in Händen hielt. Die Ungewißheit, vielleicht
auch Fremdheit hat ihn nicht abgeschreckt, sich zu bewerben.
Seit 1987 hat eine große Zahl deutscher und ausländischer Künstlerinnen
und Künstler die klassenzimmergroßen Ateliers in der ehemaligen Grundschule
des Ortes für ihre künstlerische Tätigkeit genutzt. Hier entstanden
Kontakte, auch Freundschaften. Welchem Sinn und Zweck frommt eine solche Einrichtung?
Andreas von Randow, im Kultusministerium des Landes Schleswig-Holstein u.a.
für die Künstlerförderung zuständig, konstatiert:
Ein Künstlerhaus ist Produktionsstätte für Kunst, es funktioniert
als temporäres Atelier. Weiterhin ist es ein Kommunikationsort, an dem
insbesondere das Sprechen über Kunst gepflegt wird. Es ist Treffpunkt,
an dem sich ein Publikum einfindet, das sich für Kunst interessiert, an
dem Künstler miteinander ins Gespräch kommen, an dem interessierte
Bürger einer Stadt oder Region künstlerische Arbeit erleben können.
(1995)
Bernd Goering bekam ein dreimonatiges Stipendium in dieser durchaus liebenswerten
Landschaft, Schleswig und seinem Schloß Gottorf - dem Landesmuseum - benachbart.
Wenn nur nicht Winter gewesen wäre, damals, von Januar bis März 1994.
Schnee und Temperaturen bis Minus 11 °C verbunden mit einem eisigen Wind
- wie sollte da ein Bildhauer im Freien arbeiten können?
Mußte er denn?
Goering machte aus der Not eine Tugend und konzentrierte seine bildhauerische
Arbeit auf das Material Stein. Entstanden sind Werke in Marmor, Granit und Kalkstein,
deren klare, weil verblüffend einfachen Formen einen sensiblen Umgang mit
dem doch so widerständigen Material verraten. Goering de-formiert den Stein
nicht zur Abbildung von Wirklichkeit, zur ihm fremden, aufgezwungenen Gestalt,
er formt keine Körper oder Torsi. Das Material wird zersägt und zusammengesetzt,
geschliffen und poliert. Die Form bleibt dabei immer materialbezogen und verleitet
selten zu gegenständlichen Assoziationen. Das Objekt ist allein Gegenstand
jeglicher Reflexion des Betrachters, fordert Konzentration und Einfühlung
auf Form und Oberflächenbeschaffenheit.
In Erinnerung geblieben ist die Leichtigkeit der Objekte, die im Widerspruch
steht zur Schwere und Härte des Materials; in Erinnerung geblieben ist
auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie den Raum beanspruchen, ihre
Monumentalität im Kleinen. Auffällig: Ein nahezu runder Granit, einmal
durch seine Mittelachse zersägt, balanciert - auf dem Fußboden liegend
- seine beiden leicht gegeneinander verschobenen Hälften aus. Aus dem Gegeneinanderwirken
der Schnittflächen entsteht eine Spannung, die den Betrachter in ihren
Bann zieht. Es sind minimale Veränderungen an der zumeist makellosen Form,
die Aufmerksamkeit erregen und zum Nachdenken anregen wollen.
Richtungweisend, sagt er heute, seien diese in Selk entstandenen Arbeiten für
sein weiteres Schaffen gewesen. Beim Stein ist er geblieben, den er jetzt bricht
und dann, nach dem Schleifen und Polieren der Oberflächen, mit dem Schweißbrenner
abflammt. Durch das Abplatzen der oberen Steinschicht werden die Bearbeitungsspuren
seiner Werkzeuge getilgt, das Objekt wird scheinbar auf einen natürlichen
Zustand zurückgeführt. Darin liegt das Geheimnis der bildhauerischen
Arbeiten Bernd Goerings, in ihrer Nähe zur Natur, der sie sich wie selbstverständlich
einpassen. Den Sinn dafür hat er aus seiner Heimat nach Selk mitgebracht
und er hat ihn auch wieder mitgenommen - zwei Orte einer Kunst, die nicht ortsgebunden
ist.
Selk hat sich von seinen Künstlern getrennt, für immer. Bernd Goering
lebt und arbeitet wieder in Egringen: Aus unserer Sicht ein Name, den man nicht
kennen muß. Aber man sollte ihn sich merken -jedenfalls solange, wie Bernd
Goering dort sein Bildhaueratelier hat.
Dr. Uwe Beitz, 1997
Museum Eckernförde