Museum Eckernförde, Sonderausstellung

Seit 1994, als der Bildhauer Bernd Goering drei Monate als Stipendiat im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus in Selk verbrachte, hat er sich ausschließlich für den Werkstoff Stein entschieden. Er bearbeitet damit ein traditionsreiches Material, eines der ältesten, das die Menschen zu bildnerischem Gestalten veranlaßte und mit dem sie die großartigsten Schöpfungen hervorbrachten - von den griechischen Statuen über die mittelalterliche Bauskulptur und Michelangelos Werke bis hin zu Bildwerken von Maillol, Brancusi, Lipchitz und Moore in unserem Jahrhun-dert. Ihn beschäftigen jedoch nicht die wiederkehrenden Grundfragen der klassischen wie der modernen Bildhauerei, welche das Verhältnis von blockhafter Form und Eroberung des Raumes, Masse und Leere umkreisten. Diese von Goerings Vorgängern bereits vielfältig ausgemessenen Spannungspole bildhauerischer Gestaltung sind allerdings stets selbstverständlich präsent. Seine Befragung und Er-oberung des Steins hat sich vielmehr auf das Material selbst, den Stein, seinen Kern und seine Außenhaut verschoben.

Zu Beginn seiner freien künstlerischen Tätigkeit arbeitete Goering mit der - gleichfalls strikt gegenstandslosen - Kombination der höchst gegensätzlichen Materialien Eisen und Stein. Schon als Materialien verlangten sie nach unterschiedlicher Formung: Schweißen, Verformen auf der einen Seite, Brechen, Sägen, Behauen auf der anderen Seite. Das Prinzip der Assemblage verschiedener Einzelteile, das in der losen Konstellation seiner aufgesägten Steine aus der neueren Zeit fortlebt, war in diesen Materialkombinationen grundlegend. Unmittelbar mit dem Material zusammenhängende Probleme gewannen in ihnen zentrale Bedeutung: die Wirkung der Schwerkraft, die Wechselwirkung verschiedener Oberflächen, die ungleichen Formmöglichkeiten und die unterschiedlichen mit ihnen verbundenen Assoziationen. Goerings ausgeprägter Sinn dafür, aus Gegensätzen eine harmonische, in sich geschlossene und zugleich spannungsvolle Einheit zu bilden, fand hier ein adäquates Betätigungsfeld. In den reinen Steinarbeiten setzt er dieses Vermögen auf subtilere, im Stein selbst gefundene Weise um. Die Entscheidung, nur noch mit Steinen zu arbeiten, ergab sich eher zufällig durch das dreimonatige Stipendium in Selk. Da dort nur leere Ateliers vorhanden waren, mußte sich der Künstler aus Süddeutschland auf wenige transportable Werkzeuge beschränken. Die erzwungene Konzentration entwickelte sich schnell zu einer Faszination, die ihn bis heute beschäftigt. Seine bildhauerischen Interessen und gestalterischen Grundlagen haben sich daraufhin nicht wesentlich verändert; die Ergebnisse sind nur dichter und strenger, noch weniger anekdotisch formuliert.

Schon die früheren Metall - Stein - Arbeiten zeigten häufig eine Gestaltung aus umschließender und umschlossener Form. Jetzt nennt der Bildhauer als sein Hauptinteresse entschieden die Dialektik von Innen und Außen, das Eindringen zum Kern des Steins und seine Abgeschlossenheit nach außen. Ein Schlüsselstück dieser Problematik, die eng mit der die moderne Bildhauerei besonders beschäftigenden Gestaltung von Masse und Raum zusammenhängt, ist ein Stein, den Goering in Selk fand: Von außen ist ihm nicht anzusehen, ob es sich um eine Druse - einen Stein mit einem kristallisierten Hohlraum im Kern - handelt oder nicht. Goering schnitt ihn auf und klebte die Schnittflächen wieder aufeinander, so daß er der einzige ist, der weiß, wie sein Inneres aussieht. Der Stein darf seine Integrität behalten, nur die geklebte Spur des Schnittes verweist auf seine Verwundung, auf das neugierige Forschen des Künstlers nach dem, was seinen inneren Wesenskern ausmacht. Nun bietet er sich wieder unnahbar in seiner vollen Geschlossenheit dar und, ausgelöst von der Schnittlinie, öffnet sich nur gedanklich der Weg in sein Inneres.

Das in seiner Dichte und Rätselhaftigkeit nur noch von einem ungeschnittenen Findling zu übertreffende Werk bringt Goerings Ansprüche an den Betrachter auf den Punkt. Dieser ist ganz auf sich allein gestellt; kein Titel hilft bei seinem fragenden Suchen weiter. In diesem Fall verweigert der Künstler sogar den geringsten Einblick in die Früchte seines Tuns.

Verborgenes, unsichtbares Inneres und sich zeigendes Äußeres, das aber das Innere verschließt, bezeichnen die spannungsvolle Dialektik von Goerings Skulpturen und finden ihre Entsprechung in dem, was der Bildhauer tut. Mit Schnitten öffnet er die Steine, macht ihr Inneres dem Blick zugänglich und poliert in der Regel die Schnittflächen zu spiegelnder Reinheit, um die innere Struktur und Farbigkeit der Steine möglichst klar ersichtlich zu machen. Dann aber stellt er die Teile so zusammen, daß sie nur bedingt den Einblick auf die Schnittflächen ermöglichen. Meistens überläßt er es den Einzelteilen selbst, nach ihrer eigenen Form und Schwere ein Stück weit auseinanderzufallen. Oder er schiebt die Teile nur spaltbreit auseinander, zieht eine ausgesägte Ecke ein wenig aus dem Block heraus, verdreht ein abgeschnittenes Stück, so daß der größere Teil der Schnittflächen doch verdeckt bleibt. Öffnen/Zeigen und Verschließen/Verhüllen greifen ineinander; beides bestimmt jeweils in unterschiedlichem Maßverhältnis - das Werk.

Die Außenhaut der Skulpturen erscheint, auch wenn diese geometrische Formen wie Kubus, Quader oder Kreisform annehmen, wie natürlich gebrochen. Keine Bearbeitungsspuren verletzen ihre Rohheit und Integrität. Doch auch die Außenhaut ist Resultat der künstlerischen Bearbeitung. Mit dem Schweißbrenner erhitzt der Künstler die Oberflächen der Steine, so daß ihre äußersten Schichten abplatzen und sie eine scheinbare Natürlichkeit und Unversehrtheit zurückgewinnen. Nach der formenden Bearbeitung hüllt der Künstler den Steinblock gleichsam wieder in seine natürliche Haut. Technisch stellt er eine Oberflächenverwitterung her, welche die Steine in der Natur erst nach einer weit über menschliche Zeitdimensionen hinausreichenden Geschichte erwerben oder auch erleiden. Erscheint nicht die Klarheit der polierten Innenflächen wie der verletzliche, noch nicht von den Angriffen der Umwelt gealterte und widrigen Witterungen zum Opfer gefallene, gewappnete Kern eines Unbekannten, der nun beinahe sträflicherweise und nur vorübergehend ans Licht geholt wurde?

Jede dieser Skulpturen öffnet sich auf ganz eigene Weise und nach einem ihr innewohnenden Gesetz der Proportion, der Schwerkraft, der Rückgewinnung von Geschlossenheit. Immer hat dieses Öffnen etwas Zögerliches an sich, kommt es einer vorsichtigen Offenbarung gleich.

Insgesamt vermittelt das Werk Bernd Goerings eine sehr geschlossene Wirkung. Zielstrebig verfolgt er seinen Weg, auf dem es keine Brüche und Nebensachen zu geben scheint. Bei der Durchsicht zeigen sich aber doch verschiede-ne Wege, die parallel verfolgt werden. Der Unterschied bei den Steinarbeiten liegt vor allem im Ausmaß des Respekts für den Eigenwert des Steins und der künstlerischen Überformung. Tatsächlich zwingt der Künstler jedem seiner Steine seine Formidee auf. Allerdings nimmt er die Sichtbarkeit dieser Prägung vielfach so stark zurück, daß die Steine in ihrer äußeren Form wie gerade gefunden oder aus dem Steinbruch gebrochen erscheinen. Andere Steine wie ein rechtwinklig abgeknickter Ring, ein Rohr oder die an der Wand lehnenden, gekrümmten Steinstäbe zeigen zwar die gleiche rauhe, natürlich wirkende Oberfläche, haben aber eine dem Material ganz fremde, eher von Metallen her gewohnte Form. Auch sie sind geprägt von Goerings Auseinandersetzung mit der Polarität von Kern und Äußerem. Der Ring und das Rohr umschließen eine unsichtbare, leere Mitte, sind Schale und zugleich Öffnung für einen inneren Raum, der nur durch sein Äußeres definiert ist. Seine Transparenz und Ungreifbarkeit stehen in äußerstem Kontrast zur festen, groben, sich verschließenden Materie des Steins. Die Idee für die Stäbe kam Goering durch sogenannte Bohrkerne, das heißt Aus-würfe, die beim Bohren zum Spalten von Steinen entstehen. Sie scheinen wie die nackte Bloßlegung des Inneren eines Steins, doch könnten wirkliche Bohrkerne nicht gekrümmt sein. Wie schon bei der Beschreibung der verwitterten Außenhäute im Gegensatz zur Reinheit und Verletzlichkeit der inneren Flächen tun sich Assoziations- und Interpretationsmöglichkeiten auf, die die essentielle Dimension von Goerings Werk erschließen: Das Wesen der Dinge und Menschen ist tatsächlich nicht immer gleich, gerade und einfach überschaubar. Man kann sogar so weit gehen, jedem dieser Stäbe wie auch den Öffnungsformen der anderen Steine eine eigene Gestik zuzusprechen.

Selbstverständlich beinhalten Goerings Steine immer auch den Gegensatz von Natur und Kultur, von Gewordenem und menschlich Gemachtem, doch geht es dem Künstler nicht so sehr um eine Darstellung dieser ebenso befruchtenden wie konfliktreichen Polarität. Vielmehr benutzt er das Naturmaterial in einer Art, die seinen Dingen eine ähnliche Selbstverständlichkeit verleiht, wie sie die Natur für uns besitzt. Seine Arbeiten sind reine Ästhetik, Zwecklosigkeit, die zum Se-hen und Erkennen ihrer Eigenart herausfordert. Sie sind gegenwärtig, einfach weil sie da sind und uns als menschliche Zeichen mit der Anmutung des Natürlichen gegenübertreten, ohne Anbiederung an den Zeitgeschmack und neueste Technologien. Als Techniker ist Goering weitgehend Autodidakt, recht bescheiden in seinen Mitteln, aber in ihrer Anwendung perfekt. Im Laufe seiner bildhauerischen Arbeit hat er sich immer nur das angeeignet, was er zur Ausführung seiner Ideen brauchte, indem er zielgerichtet bei Handwerkern und Kollegen nachfragte. Die Idee geht bei ihm klar der Arbeit mit dem Material voran. Schritt für Schritt entwickelt er seine Konzepte weiter, klammert Experimentelles aus und sucht das Gültige, die bleibende, allem Nachsinnen standhaltende Form. Entscheidender als technische Erfindungen sind seine Wahrnehmung der Gegebenheiten des Steins, der Blick für Proportionen, das Interesse für spannungsvolle Konstellationen und sein Sinn für Zeichenhaftigkeit jenseits aller Abbilder, Symbole und Psychologisierungen.

Schon sein Verzicht auf Titel, die mehr als Material, Dimension und Entstehungsjahr benennen, verweist den Betrachter kompromißlos auf den Boden der Tatsachen, nimmt ihm jeden Wind aus den Segeln bei der Suche nach einem vermeintlich "dahinter" stehenden Sinn. Goerings Steine geben sich spröde, maßvoll, einfach, konzentriert und still und erschließen sich nur dem, der bereit ist, kleine Verschiebungen wahrzunehmen, unauffälligen Strukturen und Farbenspielen nachzugehen und die scheinbar minimale künstlerische Bearbeitung als vollwertig zu akzeptieren. Dann kann er Fragen aufwerfen und Beobachtungen mit seinen eigenen Empfindungen und Erfahrungen verknüpfen, die ihn zu durchaus legitimen, ganz persönlichen Deutungen und Assoziationen führen mögen. Gerade durch ihre Zurückhaltung und konzentrierte Spannung lassen die Skulpturen eine Kontemplation zu, die auf persönliche Ambivalenzen und Befindlichkeiten zurückführt und Fragen nach dem Wesen der Dinge aufwirft.

Schließlich weckt der Künstler auch den Sinn für etwas, das wir kaum mehr wahrnehmen bei der Beliebigkeit, mit der heute Vorgärten und Straßenkreuzungen mit Findlingen und Steinblöcken möbliert werden. Jeder Stein trägt eine Jahrtausende alte Geschichte mit sich, hat sich eine unverwechselbare Identität erworben. Die Rheinkiesel, die Goering tagelang für seine Bearbeitungen sucht, faszinieren ihn, weil sie mit ihrer Oberfläche und ihrem ganz anders erscheinenden Inneren von ihren Wanderungen, vom Ursprung des Rheins und von seinen zahlreichen Nebenflüssen erzählen. Ein großer Steinbildhauer des 20. Jahrhunderts, Fritz Wotruba (1903-1976), bekannte sich mit Ergriffenheit zur Ausstrahlung der Steine, die auch Bernd Goering vorantreibt: "Der Stein ist uralt, unerschöpflich und noch immer voller Geheimnis, und trotz allem Mißbrauch, allen Schändungen, denen er ausgesetzt war und noch ist, ist seine magische Strahlung ungebrochen."

Dr. Gesa Bartholomeyczik 1999,
Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen, Schleswig