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Links: "Vorwärts" (1918), Proklamation von 1923, die Lörracher
Synagoge 1938 und die Mauer 1989
REPRO/FOTOS: BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG, MUSEUM AM BURGHOF,
AP
Betrachtungen zu IX und XI
Der 9. November spielte in der deutschen Geschichte mehrfach eine entscheidende Rolle
Von Nikolaus Cybinski
Am kommenden Mittwoch wird Bernd Goerings "Jahrhundertskulptur" der Lörracher Bevölkerung vorgestellt. Sie thematisiert den 9. November, der in der deutschen Geschichte des vorigen Jahrhunderts mehrmals eine entscheidende Rolle spielte. Abdankungen und Neuanfänge fallen in denkwürdiger Häufung auf diesen Novembertag.
9. November 1918
Der Thronverzicht
Kaiser Wilhelms II. besiegelte den Zusammenbruch eines politischen Systems.
Der verlorene Krieg wirkte dabei als Katalysator, war jedoch nicht der ausschließliche
Grund. Der lag wesentlich in der Reformunwilligkeit und Reformunfähigkeit
der alten Machteliten, die in blinder und bewusster Verkennung der Lage jede
Teilhabe - zum Beispiel der Sozialdemokraten - an der Macht ablehnten.
Als es längst zu spät war, nämlich erst Ende September 1918 (die
militärische Niederlage des Deutschen Reiches zeichnete sich deutlich ab),
forderten Hindenburg und Ludendorff, die beiden ranghöchsten Militärs,
die Parlamentarisierung der Regierung. Einen Monat später wurde durch Verfassungsänderung
der Reichskanzler an das Vertrauen des Reichtags gebunden, und vier Tage zuvor
war das Dreiklassenwahlrecht in Preußen aufgehoben worden.
Zu spät, um das System zu retten. Nun beschäftigte die Militärs
vor allem die Frage, wem die Schuld für das Desaster zuzuschreiben sei.
Die Befehlsverweigerung der Matrosen in Wilhelmshaven am 29. Oktober wurde zum
Beginn einer Revolution, die rasch auf die großen Städte des Reiches
übergriff und Wilhelm II. zwang abzudanken und ins sichere Exil nach Holland
zu gehen.
Der oberste Befehlshaber desertierte, noch ehe der Krieg beendet war. Jeder
gemeine Soldat wäre dafür erschossen worden. Mit der Ausrufung der
"Deutsche(n) Republik" durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann
vom Reichstag aus und der kurz darauf vor dem Berliner Schloss erfolgten Proklamation
der "freie(n) sozialistische(n) Republik durch den Führer des Spartakusbundes
Karl Liebknecht begann eine neue Epoche der neueren deutschen Geschichte.
9. November 1923
"Und
dann schrie eine Stimme: Da kommens, Heil Hitler!"
Joachim Fest zitiert in seiner Hitler-Biografie einen Augenzeugen vom 9. November
1923. Am Abend zuvor hatte Hitler im Münchner Bürgerbräukeller
den Staatsstreich versucht, war jedoch kläglich gescheitert.
Die Nacht über und am Vormittag des 9. November war er unsicher und unschlüssig
gewesen, ob ein demonstrativer Propagandamarsch durch München das Blatt
zu seinen Gunsten wenden könne. Schließlich nahm Erich Ludendorffs
"Wir marschieren!" dem Zögernden die Entscheidung ab.
Einige Tausend zogen gegen Mittag los, stießen auf die erste Polizeikette
auf der Isarbrücke und entwaffneten die Polizisten. Doch die Polizeikette
auf dem Odeonsplatz hielt. Es kam zu einem einminütigen Schusswechsel.
Scheubner-Richter, bei dem Hitler sich untergehakt hatte, wurde tödlich
getroffen, stürzte zu Boden und riss Hitler mit, der sich dabei das Schultergelenk
ausrenkte. 14 Demonstranten und drei Polizisten starben. Als einziger schritt
Ludendorff durch die Postenkette und ließ sich vom diensthabenden Offizier
verhaften.
Adolf Hitler floh in einem Sanitätsauto und versteckte sich in der Villa
Ernst Hanfstaengls in Uffing am Staffelsee. Zwei Tage später wurde er verhaftet
und in die Festung Landsberg am Lech eingeliefert.
9. November 1938
Am Morgen
des 7. November erschoss der 17-jährige (in Paris lebende) Herschel Grünspan
als Vergeltung für das Unrecht, das seinen in Hannover lebenden El-tern
und den deutschen Juden insgesamt zugefügt wurde, den deutschen Botschaftsangehörigen
vom Rath.
Propagandaminister Goebbels nahm die Tat zum Anlass, zu einer großangelegten
Brandstiftungs- und Zerstörungsaktion aufzurufen. Am 9. November begannen
abends die ersten Aktionen. Jüdische Geschäfte wurden geplündert,
jüdische Schulen und Synagogen in Brand gesteckt und Menschen wurden misshandelt.
Am 9. November fanden in ganz Deutschland Gedenkveranstaltungen an den 9. November
1923 statt, auf denen die antisemitische Stimmung angeheizt wurde: Nach Schluss
der Veranstaltungen kam es überall zu Pogromen. SA-Trupps zerstörten
fast alle Synagogen und demolierten an die 7000 jüdische Geschäfte.
Knapp über 30000 Juden wurden in "Schutzhaft" genommen und in
Konzentrationslager verbracht.
Die jüdischen Geschäftsinhaber mussten für die immensen Schäden
selbst aufkommen, denn ihre Versicherungsansprüche gingen an den deutschen
Staat, der zugleich eine "Sühneleistung" von 1,25 Milliarden
Reichsmark festsetzte, die die deutschen Juden zu zahlen hatten.

Die "Jahrhundertskulptur" von Bernd Goering in Lörrach
FOTO: HEINER BRACKEL
9. November 1989
Dass die
DDR sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in einer wirtschaftlich und
finanziell ernsten Krise befand, war Polit-Insidern im Westen bekannt. Seit
Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Politik weitete sich die Krise zu einer
politischen und wurde schließlich zu einer Legitimationskrise der DDR-Regierung,
ihrer Staatsorgane und der sozialistischen Einheitspartei SED.
Im Westen erkannte man den Schwächezustand des deutschen Nachbarstaates,
doch nicht einmal der Bundesnachrichtendienst ahnte, dass es sich dabei im Herbst
1989 um eine Krankheit zum Tode handelte.
Als der seit einem Tag für die Medien zuständige ZK-Sekretär
Schabowski auf der internationalen Pressekonferenz des 9. November sieben Minuten
vor 19 Uhr von Riccardo Ehrmann (von der italienischen Presseagentur ANSA) zum
neuen Reisegesetzentwurf der Regierung befragt wurde, verlas Schabowski Teile
daraus (denn er hatte Egon Krenz' Exemplar aus Zeitmangel zuvor nicht durchgelesen).
Auf die Frage, ab wann der neue Entwurf in Kraft trete, antwortete er: "sofort,
unverzüglich".
Um 19.05 Uhr sprach Associated Press (AP) bereits von "Grenzöffnung"
und um 19.17 Uhr brachte die ZDF-Nachrichtensendung "Heute" Ausschnitte
aus Schabowskis Pressekonferenz. Innerhalb weniger Stunden brachen alle Dämme.
Die Mauer fiel, es herrschte der "Wahnsinn!" Das war der Anfang vom
Ende der DDR. Am 10. November sagte Berlins Regierender Bürgermeister Walter
Momper in seiner Antrittsrede als Bundesratspräsident: "Gestern Nacht
war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt."
Datum der Verwerfungen
Vielleicht wären wir besser beraten gewesen, statt des 3. Oktober den 9. November zum nationalen Gedenktag zu machen, denn in diesem Datum sind die Verwerfungen der neueren Geschichte symbolisch und gleichsam geballt aufgehoben: Zusammenbrüche und Aufbrüche, Tag des blutigen Hasses und Tag einer unblutigen Revolution. Wenn das kein Anlass zum An-Denken ist, was ist es dann?
Der Sonntag, 1. April 2001